(Deutsch)

VOM NUTZEN DER SUBTRAKTION

Hervé Laurent, 2007

Monographie, Cahier d’artistes Pro Helvetia série VI + VII

Seit seinen ersten Anfängen arbeitet collectif_fact an einer Ökonomie der Subtraktion. datatown (2002), die Erstlingsarbeit des Kollektivs, besteht aus einem langen Travelling durch eine nächtliche Stadt. Eine in der Tat seltsame Nacht, erweist sie sich doch als selektiv, wenn sie den städtischen Raum in eine undurchdringliche schwarze Schicht taucht, die – ohne Übergang vom Halbdunkel zum Licht – nur von gleichmässig beleuchteten Zonen unterbrochen wird. Über diesen Zonen liegen Zeichen: Strassenmarkierungen, Signalisations- und Plakattafeln, Zifferblätter, Armaturenbretter von Autos… Man stellt fest, dass weder die Autoscheinwerfer noch die Strassenbeleuchtung diese fremde Stadt erhellen, die ihre Zeichen nur zur Schau zu stellen scheint, um besser dahinter verschwinden zu können. Mit sehr einfachen Mitteln – übrigens ein charakteristisches Merkmal der vom Kollektiv entwickelten Ästhetik – zeigt datatown, dass sich die Rekonstruktion des Anscheins der Dinge eher durch ein Spiel mit der Unbestimmtheit erreichen lässt als mit der täuschenden Ähnlichkeit der bis zum äussersten optimierten Effekte. Diesbezüglich kommt diesem ersten Film programmatische Bedeutung zu. Man erkennt bereits, wie die Verwendung einer 3D-Animation, die von der Auswahl einiger kennzeichnender Merkmale ausgeht, eine andere Lektüre des Selbstverständlichen auslöst. Sie wirkt zwar wegen der verwendeten, einfachen Computer roh, wird aber nicht als unvollkommen empfunden, was mit dem technischen Fortschritt zu beheben wäre. Das Rohe wird wegen seiner Kapazität gebraucht, die Dinge auszublenden. Um jedem Missverständnis (oder besser «schlechtem Wahrnehmen») zuvorzukommen, fährt collectif_fact damit immer weiter.

Die spärlich animierten schwarzen Silhouetten liessen sich tief in die Nacht von datatown hinein verfolgen; in plattform (2004) sind sie durch Figurinen auf Ständern ersetzt. Und der Raum, der sich in datatown noch aus der Tiefenwirkung der langen Fahrt durch die in Dunkel gehüllte Stadt ableiten liess, wird hier auf das Stapeln von Architekturplänen zurückgeführt, die ins Nichts, in Schnee oder weiss Gott was für ein flockiges Material hinein entschwinden. Der Anschein von Realität, der üblicherweise zu den hauptsächlichsten Herausforderungen von 3D-Modellen gehört, wird hier zu einem Tummelfeld für offene und niemals zwingende Hypothesen.

Subtraktion gibt es auch hinsichtlich des Fadens der Erzählung, die sich auf das weiche Ineinanderfliessen von zwei oder drei fixen Bildern beschränkt, wie in der Arbeit ce qui arrive (2005), in der wir einem langsam gleitenden virtuellen Auge durch die Stockwerke und Räume eines Bürohauses folgen, in welchen die Angestellten bewegungslos verharren. Manchmal folgt auf eine festgehaltene Szene mittels Überblendung eine andere. Doch dieser Übergang gibt uns recht wenig Auskunft darüber, was zwischen beiden Bildern passiert. Statt dem Faden einer Geschichte zu folgen und zu erzählen, was da genau vor sich geht, scheint sich collectif_fact eher zu fragen, was eine Geschichte überhaupt ist, wie und aus welchen Vorstellungen und mit welchen narrativen Schemata sich der Stoff konstruieren lässt. Die gesuchten Antworten sind nicht pragmatischer Art. Sie zielen eher darauf ab, die impliziten Prozesse – die überall geltenden Rezepte – zu hinterfragen, die unter dem Vorwand, dem Realen treu zu sein, nur zu seiner Instrumentalisierung beitragen und nie einen Rest Raum offen lassen für eine weniger voraussehbare Erfassung der Welt: weniger unmittelbar ideologisch und weniger den wirtschaftlichen, politischen und ästhetischen Zwängen des Entertainement unterworfen sind. Daher rührt vermutlich die beunruhigende Fremdheit in der Arbeit des Kollektivs, die indessen eher auf Vom Nutzen der Subtraktion ihrer Methode, einer Poesie der kritischen Distanz sozusagen, zu beruhen scheint. Die virtuelle Sprache ermöglicht es, diese Distanz zu konstruieren, und zwar nicht nur mit dem, was sie sagt, sondern vor allem dadurch, wie sie es sagt. Da wäre der Auto-Wirrwarr von bubblecars (2004) zu nennen, der sich entlang einer Vorstadtstrasse unter dem Licht der Strassenlampen in einer sozusagen gekühlten und repetitiven Version der spektakulären Szenen aus Independence Day und allen anderen Filmen mit Spezialeffekten abspielt, welche die Katastrophen-Obsession der Zuschauer nähren. Doch in bubblecars wird das Spektakuläre durch ein subtiles Spiel von Verschiebungen gedämpft. Allgemein scheinen in den Videos von collectif_fact die Effekte offensichtlich mehr Schein als Spezialeffekte zu sein. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf das making of, hinter dem die Frage nach dem Warum auftaucht, die sich die Produzenten von Unterhaltung nie stellen oder die sie in der Thematik des «worüber man spricht» verschwinden lassen, während sie den Fragen, «wie man davon spricht» und vor allem «wer spricht», aus dem Weg gehen.

On Stage (2007), der letzte Film des Kollektivs, hebt diese unterschwelligen Fragen dadurch ganz deutlich hervor, dass er die Frage nach den unmittelbaren Inhalten mit Hilfe der Parodie aufbricht. Wir marschieren mitten in einer Demo, aus der eine beliebige Forderung nach der anderen auftaucht. Man begreift schnell, dass dies das Resultat eines Sammelns von Fakten aus dem Internet ist, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, um hernach in einem Zug von Demonstranten wieder in Szene gesetzt zu werden, der in einer Endlosschlaufe unaufhörlich vor uns weiterzieht. Es ist keine Auflösung dieser kompakten Demonstration in Sicht, weil es keinen Anfang und kein Ende und buchstäblich keinen Sinn gibt. Wir folgen einem virtuellen Operateur, der mit geschulterter Kamera schneller vorangeht als die Demonstranten – keine schwierige Sache, weil die Protagonisten, wie in ce qui arrive, bewegungslose, geschlechtliche Wesen sind, die Slogans tragen oder halten, die es ebenso sind. Niemand wird sich darüber wundern, dass wir diese Slogans als erstes lesen, obwohl wir sie immer nur von hinten anblicken – Sie sind doch extra für uns so angeordnet. Es handelt sich dabei wohlverstanden nicht um Inkohärenzen, sondern um Freiheiten, die man sich gegenüber der Erzählung herausnimmt. Wir, dazu abgerichtet, diese zu vergessen, denken nun daran, dass die Fiktion nur eine Montage ist, so wie ein Bild nur eine Collage aus anderen Bildern ist, die sich auf problematische Art organisieren. Die Demonstration ist in verschiedenen Bedeutungen aufzufassen, worauf schon der Titel On Stage hinzuweisen scheint, der sich ausdrücklich auf das Theater bezieht. Was sich heute manifestiert, ist die Verallgemeinerung des Theatralischen; die Strassendemo ist nur eine Variante von vielen der heute unumgänglichen Mediatisierung, ohne die eine Existenz nicht mehr als wirklich gelebt wahrgenommen wird. collectif_fact versucht diese schwindelerregende Umkehrung der Perspektive festzuhalten: Während eines sehr kurzen Moments, der Dauer eines Sekundenbruchteils, zeigt ein Kameraschwenk nach hinten, dass das Transparent, auf dem rückseitig eben noch „Recht auf Wohnen für alle“ zu lesen war, keine Vorderseite hat – nichts, oder die Nacht von datatown als Kehrseite oder Unterlage, auf der sich alle Zeichen verteilen. Nur eine Ungeschicklichkeit? Eine Unaufmerksamkeit? Man wird mir gestatten, genau das Gegenteil zu denken. Ich habe im Vorangehenden versucht, zu erklären warum.

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