(Deutsch)

DIE GEWINNUNG VON AMEISEN

Simon Lamunière, 2005

Die Stadt ist ein komplexer Raum ­ so komplex, dass man ebenso gut versuchen könnte, die Gesamtheit der menschlichen Tätigkeiten zu beschreiben, wenn man ihre Elemente vollständig aufzählen wollte: Zeichen und Handlungen vervielfachen sich, sie verketten und verdichten sich zu veritablen Knoten, die nicht mehr zu entwirren sind.

Doch genau das tun die KünstlerInnen von collectif_fact seit einigen Jahren: Architektur, Stadtplanung, Fahrzeuge, Verkehrsschilder, Reklame, UserInnen werden voneinander gesondert, ausgeschnitten, aufgegliedert – für eine Rekonstruktion in anderen Verknüpfungen und in neuen Zusammenhängen.

In einem ihrer ersten Projekte haben diese aus Neuchâtel stammenden und in Genf tätigen jungen Kunstschaffenden eine Fotoserie und ein Video realisiert. datatown (2002) entstand, als sie noch an der Genfer Ecole Supérieure des Beaux-Arts studierten. Zu sehen ist nichts ausser dem System von Signalen eines urban Raums. Alles andere tritt nur durch Abwesenheit, als Leerstelle, in Erscheinung. Wo es keine Zeichen, Schilder, Werbeannoncen, Zebrastreifen, rote Ampeln, Leuchtschriften, Uhren, Nummernschilder gibt, ist Schwärze. Vom gleichen Schwarz sind auch die Passanten, die Auto und die Gebäude, was den Eindruck von nächtlichen Momentaufnahmen entstehen lässt. Verblüffend ist freilich vor allem, dass allein die Zeichen bereits ausreichen, um die Stadt, in der sie sich ausbreiten, urbanistisch lesen zu können. Die städtischen Räume, das Leben, der Verkehr sind spürbar vorhanden, auch wenn sie abwesend sind. Sollten sich eine Stadt und ihre Einwohner auf blosse Schatten oder Werbeträger reduzieren lassen – sind sie nicht mehr die, die das Leben gestalten, in dem sie sich einrichten?

collectif_Fact arbeiten in den meisten ihrer Projekte mit Samples und mit aus dem Kontext herausgelösten Fragmenten. Aus Fotos, videos oder digitalen Dateien ausgewählte Elemente werden isoliert und anschliessend wieder in ihren ursprünglichen Kontext eingebettet, freilich in anderen Situationen. Dessen ungeachtet macht sich auch der Eingriff selbst bemerkbar: Dass das Montageverfahren sichtbar bleibt und unerwartete Bezüge zwischen den verschiedenen Schichten zutage treten, ist Absicht. Die räumlichen Verhältnisse verändern, Volumen werden zu Flächen oder Linien, Raum wird dekonstruiert und verzeitlicht. Jedes Projekt lotet neue Beziehungen aus und deckt andere Schwerpunkte auf – mit einem unmittelbaren Bezug zu den Gemeinschaften, in die die Menschen eingebettet sind und die sie selbst bilden.

Bei Circus (2004), einer Videoinstallation, deren Projektionen einer Ecksituation bedürfen, glaubt man einer simplen Zerlegung von Bildern beizuwohnen. Ausgangsbasis ist die detaillierte visuelle Bestandesaufnahme eines Platzes: Von den Gebäude über die Autos und Abfallkübel bis hin zu den Flecken am Boden wurden unzählige Einzelheiten fotografiert und später zusammengeschnitten. Ununterbrochen verschmelzen übereinander geblendete Einstellung, Schichten von Bildern, um sich gleich wieder voneinander zu lösen. Damit entsteht die Illusion einer Fragmentierung des Raums – obwohl er gar nie als zusammenhängende Einheit wahrzunehmen ist. Die Stadt erscheint als Konglomerat von Objekten, die nichts miteinander zu tun haben und mit Gewalt zusammengestellt wurden. Man denkt eher an eine öffentliche Kehrichtdeponie oder eine Anhäufung von Bruchstücken als an umsichtige Planung für das Gemeinwohl.

In Expanded Play Time (2004) ist es die Architektur einer Sequenz aus dem Film von Jacques Tati, die eine Verräumlichung erfährt. Alle Einstellungen der berühmten Szene im Wartsaal aus Play Time wurden in einen virtuellen dreidimensionalen Raum übertragen und dann nach einer nicht-narrativen Logik neu Kombiniert. Was sich im Film mittels Schnitten auf einer zeitlichen Achse entwickelt, zeigt sich im Video komprimiert, indem in einem einheitlichen Raum und in einer einzigen Einstellung unterschiedliche Zeitstrukturen zusammengeführt werden. Tatis Karikatur der modernistischen Architektur von Verwaltungsgebäuden wandelt sich hier zu einem Bild des Eingeschlossenseins, zum Laborexperiment. Aber in erster Linie ist das Projekt des Künstlerkollektivs eine Hommage an das Meisterwerk des französischen Regisseurs und an seine Kritik der bürokratischen Gesellschaft. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich in den Arbeiten dieser jungen Kunstschaffenden ein ausgeprägtes Interesse für des digitalisierte Gesellschaft artikuliert. Mit dem Instrumentarium, das ist verwenden, ebenso wie mit der Art, in der sie damit umgehen, formulieren sie einen ätzenden Kommentar zur heutigen Informationsgesellschaft.

Die Verschiebungen oder Übertragungen, die das Trio vornimmt, treten denn auch in allen Stadien der Produktion auf. Die von ihnen benutzen digitalen Werkzeuge sind Bestandteil der kreativen Logik ihrer installativen Projekte, die Schritt für Schritt entwickelt werden. Arbeitsgrundlage sind Bilddatenbanken, die Gestaltung bedient sich des Samplings, eines Kompositionsverfahrens aus der elektronischen Musik, die Elemente und Objekte, Personen und Umgebungen entstammen mehrfach aktualisierten und bearbeiteten Datensätzen.

Für Installation wie habitA (2003), plattform (2004) und ce qui arrive (2005) wurden Elemente der Ausstattung oder Statisten der Szenen digital konstruiert. Der Organisation der einzelnen Teile liegen Schemata von wahrscheinlichen Handlungsabläufen oder von standardisierten, aufeinander bezogenen Situationen zugrunde.

Menschen gehen sinn ­ und belanglosen Aktivitäten nach, ihre Umgebung wirkt gesichtslos, weil sie bloss Klischees transportiert: In habitA wird das Lebensideal, das Villa und Wohnzone verkörpern, von der digitalen Kettensäge zerlegt. Protagonisten, die Ball spielen oder Wäsche aufhängen, sind nicht anders dargestellt als etwa Rasenmäher; was kann man in 100m-Gärten schon anderes machen als überkommenen Vorstellungen von Lifestyle nachleben? ce qui arrive verlegt habitA in das Ambiente der Büros und Korridore von Firmensitzen. Tatsächlich sehen sich die Verhältnisse zum Verwechseln ähnlich: Nicht nur haben Architektur und Möblierung den Grundsätzen der Unternehmensführung zu entsprechen, sondern mit dem Siegeszug des Informatik hat die Uniformierung auch alle Systeme der Formgebung erfasst: Produktion, Design, Bildsprache und Organisation. Das digital Zeitalter steht im Zeichen von Zahl und Austauschbarkeit: Das Bild ersetzt die Sache, die Vorstellung das Sein, die mediale Realität die Wirklichkeit. Aus distanzierter Perspektive evozieren collectif_fact ein umfassendes Gefühl von Unausweichlichkeit. Sie lassen den Wunsch entstehen, aus einem System auszubrechen, das auf der freiwilligen Preisgabe der Freiheit und der Entwürdigung zu Arbeitsameisen beruht. In ihrer Arbeit ist die Digitalisierung der Produktionsprozesse in reinster Zwecklogik angewandt: kopieren, verschieben, Zusammenschneiden, einblenden, abspielen, leben. Leben?

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