(Deutsch)

ON THE ROAD TO NOWHERE

Sabine Schaschel, 2009

Monograhie, Service après-vente, HEAD Haute Ecole d’Art et de Design – Genève

Well we know where we’re going
But we don’t know where we’ve been
And we know what we’re knowing
But we can’t say what we’ve seen
(Talking Heads, Road to nowhere)

Nirgends ist das Fahren schöner als im Film, wenn sich auf der Strasse nach Nirgendwo das Leben breit macht. Im amerikanischen Road Movie agieren die Protagonisten losgelöst von der Vergangenheit in einer Art lang gezeichneten Gegenwart, in der nach Möglichkeit jedes Ankommen vermieden wird. Ankommen ist nicht das Ziel, sondern das Fahren und die Erlebnismomente während des Fahrens. Dass dieses Genre des filmischen Geschichtenerzählens in einer Zeit, in welcher Freiheit, Ausbrechen aus einer bestehenden Ordnung, Selbstbestimmung und Individualismus eine nahezu revolutionäre Gestalt annahmen, seit den Roaring Sixties also, immer wieder von der Filmfabrik Hollywood aufgegriffen wurde, scheint nicht weiter verwunderlich. Das Wesen des Road Movie bietet die Möglichkeit, Action mit einer potenziell bis zum Rausch gesteigerten Geschwindigkeit oder immer öfter auch einer psychotisch aufgeladenen Langsamkeit zu verbinden. Das Vehikel Auto beherbergt und bewegt dabei auf verdichtetem Raum die Psychogrammhülle der Reisenden, welche in den Erzählungen nebeneinander oder sich gegenüberstehen, in Konflikt geraten oder ihren unendlichen Weg in die Einsamkeit fortsetzen.

Für die künstlerische Produktion von collectif_fact sind Road Movies eine wichtige Inspirationsquelle. Das Unheimliche, Unaussprechliche, Unvorhersehbare und Geheimnisvolle, welches die Protagonisten der Road Movies während der Fahrt begleitet, sind wiederkehrende Stimmungsmomente in den computergenerierten Videos. So wird beispielsweise in Reliefs (2005) eine Kamerafahrt geschildert, die über verschiedene, digitale Raumebenen gleitet. Auf einem Parkplatz in der Nacht, der lediglich vom Licht der Strassenlaternen punktuell geflutet wird, stehen in Reihen geparkte Autos aber auch zwei umgestürzte, auf dem Kopf stehende. Die Kamerafahrt kippt über die Ebene des Parkplatzes in die darunterliegende eines Waldgebietes – eine plötzlich auftauchende, nebelüberzogene Strasse – und landet irgendwann bei einer Shoppingmall, wo bunte Schilder auf verschiedene Geschäfte hinweisen. Auch hier gibt es zwei ineinander verkeilte Autos. Ein eisiger Wind pfeifft über die menschenleere nächtliche Szenerie und ständig vermutet der Betrachter das Sichtbarwerden einer Greueltat. Das aus diversen fragmentarischen szenischen Momenten komponierte Video verbindet nichts Eindeutiges, es gibt keinen kausalen Erzählstrang. Die Greueltat existiert nicht. Die auf eine allgemeine, beinahe formelhafte Ebene übertragenen, mittels Computerprogrammen generierten Bilder funktionieren in erster Linie durch das Zurücknehmen des Mimetischen. Sie lassen in ihrer reduzierten Form Spielraum für verschiedene interpretative und emotionale Lesarten. Auch in bubblecars (2004) spielen Autos auf einer menschenleeren nächtlichen Strasse die Hautprolle. Unter den Lichtkegeln von Strassenlampen stürzen sie wie in Zeitlupe durch die Luft gewirbelt, dem Betrachter entgegen. Das Geräusch eines elektrischen Flackerns, was der Lichtstörung einer der Laternen zu entspringen scheint, unterstreicht die hochexplosive, angespannte Stimmung. Auch hier sind visuelle Ingredienzien filmischer Katastrophenszenarien auf Trailerlänge verdichtet. Die reale Umsetzung verwirklichten die Künstler als absurdes Chaosszenario in The Chase (2008). Die in bubblecars noch im unendlichen virtuellen Raum fliegenden Autos sind in der Installation The Chase als Viererpaket auf dem historischen Autofriedhof in Kaufdorf übereinandergestapelt. Die schwarz-weisse Bemalung der drei obersten Wagen und ihre rotblau blinkenden Lichtsirenen weisen sie als Polizeiautos aus, die über dem offensichtlich verfolgten untersten Fahrzeug zu stehen kamen. Zahlreiche Verfolgungsjagden aus Hollywoodfilmen und ihre oftmals ins Absurde gesteigerten, beinahe choreografisch inszenierten Unfälle sind hier auf einen visuellen Nenner gebracht und es scheint, dass auch die Strasse nach Nirgendwo einmal endet.

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